Greise sind die Sterne geworden - eine moderne Passion

Leon Schidlowsky (Komponist), Ingo Schulz (Leitung), Ölberg-Chor, Antje B. Schmidt (Sopran), Brita Süberkrüb (Alt), Michael Hoffmann (Bariton), Olaf Trenn (Sprecher)

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Kurzübersicht

für 2 Chöre, Solisten, Sprecher, Schlagzeug und Tasteninstrumente:
Erweiterter Ölberg-Chor, Antje B. Schmidt (Sopran), Brita Süberkrüb (Alt), Michael Hoffmann (Bariton), Olaf Trenn (Sprecher). Leitung: Ingo Schulz


Mitschnitt der Uraufführung vom 25.03.2000, Emmaus-Kirche Berlin-Kreuzberg. EAN 4012831190634, musik-art Ingo Schulz, Best.-Nr. ma 13

Schidlowsky: Greise sind die Sterne geworden - ma 13

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Artikelbeschreibung:

Details

Wer sich für Gegenwartsmusik interessiert, die etwas zu sagen hat, dem sei diese CD empfohlen. Sie enthält ein einziges Werk, es dauert knapp eine Stunde, erreicht also die Dimension eines konzentrierten Oratoriums. Der Titel: "Greise sind die Sterne geworden - eine moderne Passion". Der Komponist: Leon Schidlowsky (*1931), für mich einer der bemerkenswerten Gegenwartskünstler. Er stellt einen hohen Anspruch an die Moralität der Musik, deshalb eignen sich seine Werke nicht für zirkulierende Leihgaben bei Festivals. Sie sprechen einerseits zu konkret und andererseits zu deutlich von allgemeinen, Menschheit und Menschlichkeit betreffenen Fragen.
Schidlowsky stammt aus Chile, lebt hauptsächlich in Israel, zur Zeit [2000] auch in Berlin. Seine "Moderne Passion" schrieb er 1997 für den Ölberg-Chor und seinen Leiter Ingo Schulz.
Habakuk Traber


Inhalt:
  1. Ein neues Lied
  2. Und die Lieder
  3. Verflossen ist das Gold
  4. Sieh in mein verwandertes Gesicht
  5. Wacht auf ihr Trunkenen
  6. Wenn die grauen Trauerwolken
  7. Gebranntes Kind
  8. Wie soll ich deinen Tod besingen
  9. Die Sonne soll in Finsternis
  10. Suchet mich
  11. Muß immer der Morgen
  12. Einführungsvortrag des Komponisten Leon Schidlowsky


Beim Betrachten der elf Grafiken, die die Partitur dieses Werkes bilden, sind verschiedene Farben, Formen und Zeichen zu erkennen. Auf den ersten Blick scheint es keine musikalische Schöpfung zu sein, jedoch erschien mir diese Art der Notation die für meine Vorstellung von diesem Werk am besten geeignete. Es gibt keine Notenlinien, keine festgelegten Höhen, keine Tondauern und keine exakt festgelegte Dynamik. An die Stelle einer mathematisch genauen Schreibweise tritt eine geometrische. Jede Grafik zeigt relative Tonhöhen durch die Lage der Figuren. Es gibt keine bestimmten Höhen, aber Register, es gibt keine genau festgelegte Dynamik, aber ein Laut und Leise (dargestellt in der Größe). Es gibt keine exakte rhythmische Dauer, aber eine Darstellung von Tonlängen und Zusammenhängen.

Die Interpreten bekommen Anweisungen zu Besetzung und Ausführung, aber diese bieten die Möglichkeit der Wahl. Das vorgegebene Material soll mithilfe der eigenen Imagination aktiv realisiert werden. Jede Farbe bedeutet eine Realität, jedes Wort ein Phonem, dessen Entwicklung geplant ist. Jedes Zeichen ist ein Teil eines Vokabulars, dessen Grammatik sich von der allgemein bekannten unterscheidet.
Aber in der Essenz ist diese Art der Notation eine Konsequenz des "Zufallsprinzips", das die Wissenschaft uns als eine kosmologische Interpretation der Welt gegeben hat. Die Interpreten sind bei aller Freiheit doch festgelegt, die musikalische Farbe tritt in einen Dialog mit der plastischen Farbe, melodisch und harmonisch (Klangfarbenmelodie, Klangfarbenharmonie).

Diese Passion unterscheidet sich von jeder früher geschriebenen dadurch, daß hier nicht das Leiden eines Menschen, sondern die Tragödie des Menschseins thematisiert wird.

Die Passion beginnt mit dem Gedicht von Heinrich Heine ("Ein Lied"), der uns ein neues Lied und eine bessere Welt verspricht. Doch es folgt sofort der Verfall des Liedes in dem biblischen Text von Amos: Weinen und Beklemmung bilden das Lied des Tempels (Amos 8.3).
Das Goldene des Tages, das Braun des Nachmittages und das himmlische Blau fallen unter dem Tod der Flöten in ein ewiges "Rondel" (G. Trakl).
Else Lasker- Schüler schaut und findet sich selbst, ihre eigene und die Tragödie des Menschen, wenn sie sich ihr "verwandertes" Gesicht anschaut ("Das Lied meines Lebens").
Der Schrei des Betrunkenen klingt laut auf, sein Weinen und sein Vergnügen jedoch werden durch die Aussage des Propheten Joel (1.5) zunichte gemacht.
"Schweigen, schweigen, schweigen" spricht die Dichterin, wenn sie sich an ihre Jugend erinnert, und aus dem Nebel und den Wolken kommen die Vögel schreiend heraus und verkünden "ich werde gehen, wie ich kam: allein" (M. Kaleko: "Ich bin von anno dazumal").
Feuer überfällt unsere Gedanken, und der Scheiterhaufen der Kinder, wie der der Großeltern, kommt in unsere Erinnerung: nicht vergessen - keine Angst haben, aber sich immer erinnern ("Auf freiem Markt", Erich Fried).
Und dann fragen wir uns: wie kann ich deinen Tod begleiten, wenn nur Asche zwischen Erde und Himmel geblieben ist (M. Gasztrun: "Das Leichenbegängnis")? Wo ist die Verantwortung des Künstlers von heute? Bin ich der Mensch, der dabeigewesen ist, alles gesehen und gelitten hat (Klagelieder 3.1)?
Und dann wird uns die Sonne ihr Licht nicht mehr geben, und die Dunkelheit und die Finsternis werden sich ausbreiten, und der Mond wird seine Zärtlichkeit nicht austeilen, wird sich in Blut verwandeln (Joel 3.4).
Aber der Künstler ist weder ein Prophet noch der Sohn eines Propheten, nur ein Zeuge unserer wachsenden Inhumanität (Amos 7,14).
Der Prophet zeigt mir und allen heutigen Menschen einen Weg aus diesem Schicksal - er deutet mir, IHN zu suchen und so werde ich weiterleben können (Amos 5.4).
Aber nur ein Wahnsinniger kann Prophet und nur ein Kranker ein Mann des Geistes sein (Hosea 9.7)...
Doch wo ist dann die Hoffnung? Muss nach allem, was wir erlebt haben, und allem, was der Mensch erlitten hat, der immergleiche Morgen wieder emporsteigen? Wird der Mensch nie verstehen, dass die Gewalt so nicht fortgesetzt werden kann, wird ewige Nacht weiter die Zukunft diese Erde überschatten? - Ist dies unser Schicksal? (Novalis "Hymne an die Nacht")

Mit der von Heine beschworenen Hoffnung auf eine bessere Welt erleben Interpreten und Zuhörer die verschiedenen ausgewählten Texte und finden Elend, Beklemmung und Weinen.
Die Passion, die ich mir vorgenommen habe, spiegelt sich in der Poesie dieses 20. Jahrhunderts wider und in dem Buch der Bücher: Die Prophezeiung des Menschen für den Menschen und durch den Menschen.

Um den Sinn, den ich für diese Passion suchte zu erreichen, brauchte ich eine Musik, die eine Gesamtheit sein sollte; eine Musik, die alle Tonhöhen, alle Rhythmen, alle Klangfarben und Harmonien, die unsere Seelen überfallen, einschließen kann. Eine Musik, die den gesamten menschlichen Ausdruck umfasst.
Das ist, was "Greise sind die Sterne geworden - eine moderne Passion" versucht.

Leon Schidlowsky; Übersetzung: David Schidlowsky und Ingo Schulz

Mitwirkende:
Ölberg-Chor Berlin-Kreuzberg
Antje B. Schmidt (Sopran)
Britta Süberkrüb (Alt)
Michael Hoffmann (Bariton)
Olaf Trenn (Sprecher)
Gudrun Schlag (Klavier)
Katrin Plümer (Celesta)
Antje B. Schmidt (Cembalo)
Habakuk Traber (Orgel)
Nicole Hartig (Schlagzeug)
Mathias Lochmann (Schlagzeug)
Thomas Rönnefarth (Schlagzeug)
Tonmeister: Werner Armin Otto, Stefan Wellhörner
Leitung: Ingo Schulz